Auf jeder zweiten Produktmesse heißt es gerade „DPP-ready", und generische QR-Tools zählen Wein im selben Atemzug wie Batterien und Textilien auf. Das ist rechtlich falsch. Wein gilt im EU-Recht als Lebensmittel, und Lebensmittel sind von der ESPR-Verordnung (EU) 2024/1781 ausgenommen. Das digitale Weinetikett ist deshalb kein Digital Product Passport.
Die Ausnahme steht schwarz auf weiß in Erwägungsgrund 13 der Verordnung, die seit dem 18. Juli 2024 in Kraft ist. Trotzdem hält sich das Gegenteil hartnäckig, weil es bequem ist, jede QR-Seite auf einer Flasche „Produktpass" zu nennen. Die Unterscheidung ist keine Wortklauberei. Sie entscheidet, welches Werkzeug du brauchst und welcher Rechtsgrundlage du folgst.
Was ist der EU Digital Product Passport (ESPR)?
Der Digital Product Passport ist der digitale Produktpass aus der EU-Ökodesign-Verordnung ESPR, der Verordnung (EU) 2024/1781, seit dem 18. Juli 2024 in Kraft. Er soll Produkte über ihren Lebenszyklus nachvollziehbar machen, von Materialien über Reparierbarkeit bis zur Entsorgung. Die Pflicht kommt pro Produktgruppe per delegiertem Rechtsakt, zuerst für Batterien, Textilien und weitere Industriegüter.
Wichtig ist dieser Mechanismus: Die ESPR ist ein Rahmen. Sie wird erst dann für eine konkrete Produktgruppe verpflichtend, wenn die Kommission dafür einen eigenen Rechtsakt erlässt. Welche Gruppe wann an die Reihe kommt, steht im ESPR-Arbeitsplan, und Wein steht dort nicht.
Warum ist Wein vom Digital Product Passport ausgenommen?
Weil Wein im EU-Recht ein Lebensmittel ist. Die ESPR nimmt Lebensmittel und Futtermittel in Erwägungsgrund 13 ausdrücklich aus und verweist dafür auf die Definition in der Lebensmittel-Basisverordnung (EG) Nr. 178/2002. Getränke fallen klar unter diese Definition. Für Wein können damit gar keine ESPR-Ökodesignanforderungen und folglich auch kein ESPR-Produktpass gelten.
Der Grund dahinter ist sauber juristisch. Wo ein anderes Regelwerk eine Produktgruppe bereits abdeckt, soll die ESPR nicht zusätzlich greifen. Für Wein gibt es dieses andere Regelwerk längst, und es ist älter als die ganze ESPR-Debatte.
Auf welcher Rechtsgrundlage läuft das Wein-E-Label dann?
Auf einer eigenen, älteren Kette aus dem Agrar- und Lebensmittelrecht. Das digitale Weinetikett ergibt sich aus der Verordnung (EU) 2021/2117 und der Delegierten Verordnung (EU) 2023/1606. Pflicht ist es seit dem 8. Dezember 2023. Zutatenverzeichnis und Nährwertdeklaration dürfen seither digital über einen QR-Code bereitgestellt werden, vollständig getrennt vom ESPR-Rahmen.
Das ist der Punkt, an dem die Begriffe auseinanderlaufen. Das Wein-E-Label ist eine lebensmittelrechtliche Pflicht zur Information der Verbraucher:innen. Der ESPR-Produktpass ist ein ökodesignrechtliches Instrument zur Nachhaltigkeit von Industriegütern. Auf der Flasche steckt dieselbe Technik, dahinter stehen zwei verschiedene Gesetze. Die genauen Anforderungen an dein Weinetikett haben wir in einem eigenen Beitrag zu den Weinkennzeichnungsvorschriften aufgeschlüsselt.
Wer war zuerst da, Wein oder die anderen Produktpässe?
Wein. Das Wein-E-Label ist seit dem 8. Dezember 2023 Pflicht. Der Batteriepass nach der Verordnung (EU) 2023/1542, Artikel 77 Absatz 1, wird erst ab dem 18. Februar 2027 verpflichtend, also mehr als drei Jahre später. Textilien und weitere Gruppen folgen laut ESPR-Arbeitsplan voraussichtlich ab 2028, mit Terminen, die über delegierte Rechtsakte noch verschoben werden können.
Das ist mehr als eine Fußnote für die Chronik. Die Weinbranche betreibt seit Ende 2023 ein verpflichtendes, digital aufgelöstes Produktlabel in der Praxis. Während andere Sektoren ihre ersten Produktpässe noch konzipieren, läuft das Wein-E-Label längst auf echten Flaschen, in echten Märkten, mit echten Scans. Diesen Vorsprung kannst du dir nicht kaufen, du hast ihn schon.
Was haben Wein-E-Label und Digital Product Passport gemeinsam?
Die technische Schiene. Beide identifizieren ein Produkt über einen GS1 Digital Link, die standardisierte URI-Struktur hinter dem QR-Code. Der GS1 Conformant Resolver Standard 1.2.0 wurde im Januar 2026 ratifiziert und legt genau diese Struktur fest. Wein nutzt diese Schiene heute, und die künftigen ESPR-Produktpässe sollen darauf aufbauen. Eine gesetzliche ESPR-Pflicht, GS1 Digital Link zu nutzen, gibt es dabei ausdrücklich nicht.
Das ist eine wichtige Präzisierung, an der viele vorbeireden. GS1 Digital Link ist der De-facto-Standard, auf den sich das Ökosystem aus eigenem Antrieb zubewegt. Verbindlich vorgeschrieben hat ihn bisher kein Rechtsakt. Das von der EU geförderte Projekt CIRPASS-2, das von Mai 2024 bis April 2027 die standardbasierte DPP-Infrastruktur aufbaut, arbeitet mit GS1 Digital Link als Identifikator-Schicht. Wer sein Weinetikett heute sauber auf diese Schiene setzt, steht damit auf demselben Fundament, das die späteren Produktpässe nutzen werden. Warum die URL-Struktur hinter dem QR-Code dabei so viel entscheidet, steht in unserem Beitrag dazu, warum ein stabiler URL-Resolver für deine E-Label-Lösung zählt.
Was bedeutet das für dich als Winzer:in?
Du brauchst keine generische DPP-Plattform, die Wein mit Batterien in einen Topf wirft. Du brauchst ein korrektes Wein-E-Label auf der richtigen Rechtsgrundlage und auf der GS1-Schiene, die auch die späteren Produktpässe nutzen werden. Wer das heute sauber aufsetzt, steht beim nächsten Regulierungsschritt schon dort, wo andere erst anfangen.
Genau das ist die Linie, die ein Werkzeug zieht, das wirklich für Wein gebaut ist, statt Wein als eine Kachel unter vielen zu führen. Glasswise ist der Wein-Datenknoten auf diesen GS1-Schienen, mit einem E-Label, das seit dem ersten Tag der Pflicht in Produktion läuft. Das digitale Etikett ist dabei mehr als nur ein QR-Code auf der Flasche, es ist deine Adresse im Datenlayer, den der Handel ohnehin ansteuert. Wie dieser Datenlayer über das reine E-Label hinausgeht, zeigen wir am Beispiel dynamischer QR-Codes für Winzer:innen und in den Funktionen von Glasswise.
Der entscheidende Vorteil ist, schon heute auf der Infrastruktur zu stehen, auf die der Rest gerade erst umsteigt. Wein war das erste verpflichtende digitale Produktlabel im EU-Massenmarkt. Das macht es nicht zum Digital Product Passport, und es muss auch keiner sein. Es macht die Weinbranche zu dem Sektor, der die Praxis schon kennt, über die alle anderen noch reden.
Wie du deinen E-Label-Anbieter wechselst, ohne QR-Codes neu zu drucken, zeigt der Leitfaden dazu.